Interview Sven UK mit Richie Hawtin
(Minus.Detroit, Berlin): 09/2005, Print-Ausgabe in Tookio Mag & t.akt
(sven) hallo richie,das letzte mal bist du vor mehr als 6 jahren in thüringen, genauer im club centrum, gewesen. hast du da noch irgendwelche errinnerungen daran?
(richie) Ja, für die ganze Tour erinnere ich mich an Autofahrten mit meiner Freundin und Agentin Katrin und wie wir uns immer wieder verfahren haben. Trotzdem hatten wir viel Spaß beim Leute treffen und die deutsche Landschaft zu sehen! Es gab viele schöne Auftritte zu der Zeit an vielen neuen Orten, die ich nie zuvor gesehen habe und viele Leute, die wirklich am Plastikman Project interessiert waren und an der Musik, die ich damals gemacht und gespielt habe.
(sven) techno ohne richie hawtin wäre undenkbar!du hast viel für die technokultur weltweit aber auch gerade für deutschland getan. wie schätzt du im moment unsere hiesige szene gegenüber anderer länder ein?
(richie) Die deutsche Szene hat eine lange Geschichte in Bezug auf elektronische Musik. Sie reicht zurück bis zu den experimentellen Arbeiten von Stockhausen und weiterer Person davor sogar. Und dann natürlich Kraftwerk und die Revolution, die sie starteten. Deshalb hat sich die deutsche Szene ziemlich schnell entwickelt, in gewisser Weise schneller als in anderen Ländern. Du kannst für gewöhnlich in der deutschen Szene sehen, was später andernorts passieren wird. Ich persönlich hatte immer viel Spaß in Deutschland. Und über die Jahre haben ich viele Freunde gefunden und Verbindungen geknüpft. Und neben meiner Heimatstadt Windsor (Detroit) ist Deutschland eine Gegend, wo die Menschen anscheinend meine Musik verstehen, ob nun beim DJing oder Produzieren. Wegen dieser langen Geschichte ist das Alter des Partypublikums weit gestreut. Du hast also immer neue Kids, die in die Szene reinkommen, aber die ältere Generation bleibt interessiert. Vielleicht gehen die nicht mehr jedes Wochenende weg, aber zu besonderen Anlässen schon und unterstützen damit die Szene. Das passiert in anderen Ländern nicht so oft. Klar brauchst du immer neue Leute, die sich für die Szene interessieren, aber es ist sehr sehr sehr wichtig, das es Ältere gibt die die Entwicklung mitbekommen haben und diese aus verstehen. Damit können sie die Jüngeren „erziehen“ und einen anderen Blickwinkel auf die Gesamtsituation bieten.
(sven) wenn man das letzte jahrzehnt revue passieren lässt,wird wohl jeden klar,das du einer der kreativsten köpfe des minimalen technos bist. wie sagt man so schön: hawtin = minimal ästhätik techno !!! wie siehst du deine eigene musikalische entwicklung und lief es immer so wie du es wolltest?
(richie) Nichts verläuft jemals in den gewollten Bahnen ... und in gewisser Weise ist das auch besser so! Worüber ich mich allerdings freue, wenn ich auf meine Aufnahmen und Produktionen aus 15 Jahren zurück blicke, ist die Verbindung zwischen jeder Veröffentlichung und wie das Eine jeweils zum Anderen führte. Ich glaube, dass sogar meine aller ersten Arbeiten minimalistisch waren, besonders in der Zeit, als sie (z.B. Plastikman Sheet One) veröffentlicht wurden. Aber über die Jahre hinweg kann man beobachten, wie es mir gelang, meine Ideen langsam zu perfektionieren und wie ich näher an das heran kam, was und wohin ich wollte. Als Künstler musst du immer darüber nachdenken, wo du gewesen bist, damit du entdeckst, in welche Richtung du gehen könntest. Sich daran zu erinnern und die Kontinuität und Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu wahren, ist wichtig für das Verständnis deiner selbst und für das, was du erreichen willst.
(sven) in einer der letzen grooveausgaben habe ich mit interesse euren m-nus bericht gelesen.dort hast du berlin als deine traumstadt zum leben und produzieren genannt.eigentlich ist ja germany auch die technohochburg!aber wie kommst du mit unserer kultur und unserer doch manchmal piniblen art klar?was fasziniert dich noch an deutschland?
(richie) Zu aller erst glaube ich, dass Berlin ein ganz spezieller Ort ist: definitiv deutsch, aber keine typisch deutsche Stadt. Wegen der internationalen Einflüsse der letzten Jahre und wegen ihrer Geschichte, hat die Stadt etwas ganz Eigenes geschaffen. Ich mag wirklich alle Teile Europas und Deutschlands, und ich bin nicht nach Berlin gezogen, weil es in Deutschland liegt. Berlin fasziniert mich, weil die Stadt eine Verbindung zu ihrer Vergangenheit hat. Gleichzeitig gibt es eine Offenheit und Entspanntheit, die du nicht in vielen anderen Orten findest. Berlin feiert seine Individuen und heißt sie willkommen. Dort findest du die Balance von Wirtschaft und Kunst. Das erlaubt vielen Leuten, ihre Lebensart zu finden, zu wachsen, zu lernen und immer mit ihren Ideen und Träumen verbunden zu bleiben. Für mich ist Berlin das London der 70er und das New York der 80er. Berlin hat das, was diese Städte vor vielen Jahren verloren haben.
(sven) wie oft schaffst du es noch über den atlantik nach canada?
(richie) Früher bin ich bis zur vier Mal im Monat über den Atlantik geflogen – das gab eine Menge Bonusmeilen und viele Filme im Flugzeug. Glücklicher Weise fliege ich heute nur noch sechs bis achtmal im Jahr hin und zurück. Manchmal nach Kanada, manchmal in die USA oder nach Südamerika. Zum Glück reisen meine Eltern und Freunde von drüben auch hin und zurück, so dass ich immer in Kontakt mit ihnen bleibe.
(sven) du gilts als perfektionist hinter den plattenspielern.du bestichst schon allein durch deine Aura! ausserdem sind diverse extra effektgeräte immer mit dabei.was hat dich angeregt,nicht nur platten
aufzulegen sondern eben es so zu machen,wie du es machst?
(richie) Schon in den frühen Tagen von Detroit um 1988 herum gab es Ideen und Experimente zum Einbau von anderem Equipment. Auf meinen ersten paar Auftritten hatte ich eine kleine Verzögerungsbox (Delay Box) dabei, die ich über den Scheiben laufen lies. Inspiriert hierzu wurde ich durch Derek May, Blake Baxter usw., die manchmal Band- oder Drummaschinen benutzten. Später, Mitte der 90er, begann ich mich wieder zu langweilen. Nach sechs Jahren auf Tour, brauchte ich etwas, was mich wieder interessierte und womit ich eine neue Stufe in der Gesamtsituation erreichen konnte. Da holte ich zum ersten Mal den EFX wieder raus und spielte mit Ideen ein wenig herum. Die TR909 Drummaschine benutzte ich wieder, als ich viel mit Jeff Mills unterwegs war. Er benutzte als Erster die 909. Nach einem Gespräch hielten wir es für eine gute Idee, wenn wir beide das Gerät benutzen würden. Wir hofften, dass sich andere dieser Idee anschließen würden und auch neue Elemente hinzufügen würden um damit die Art Aufzulegen weiterzuentwickeln.
(sven) vor kurzen habe ich mir die sequential circus von actual jakshun geholt.da ist ein überaus interessanter rmx von marc houle drauf,der mich sehr an deinen track spastik errinnert hat? er wirkt sehr catchy und locker.ist die ähnlichkeit beabsichtigt?
(richie) Marc Houle ist ein Freund aus Windsor, der schon viele Jahre Musik macht, sich meine Musik anhört und die verrückte Detroiter Partyszene aus erster Hand erlebt. Von daher hat er mit Sicherheit viele Einflüsse: von mir, von Daniel Bell etc. Aber er ist in der Lage, etwas sehr Spezielles, Eigenes daraus zu machen – immer catchy, ein bisschen poppig, aber sehr minimalistisch präsentiert. Sehr speziell!
(sven) einer meiner all time tracks ist dein rmx von robotman `` do da doo``.gibts da noch mal eine neuauflage?ist ein neues album von dir geplant?
(richie) „Robotman do da doo“ war eine sehr spezielle Aufnahme, die zu einem speziellen Zeitpunkt gemacht wurde. Ich bin mir nicht sicher, ob ein Remix eine gute Idee wäre. Aber wo ich jetzt so in meinem Studio beschäftigt bin, weiß man nie, was passiert! Hi, hi! Als nächstes kommt im November „DE9 | Transitions“, das neue Decks, EFX-Album, heraus, als Nachfolger von „DE9“.
(sven) und zuletzt noch 2 sachen die mich schon immer interessierten: was ist dein lieblingsessen?welches ist dein traumauto und bist du zufällig fussball fan?wenn ja,wer wird nächsten jahr deiner meinung nach weltmeister?
(richie) Lieblingsessen: irgendwas Japanisches.
Lieblingsauto: Mein Motorrad! Ich bevorzuge es absolut, mit dem Bike durch Berlin zu fahren und mein Auto in Windsor zu lassen.
Fußball: Was ist das?


